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RITUAL --> Primal + Malidoma Somé
 

Primärtherapie und Die Rituale der Dagara
AFRIKA


"Den Schmerz zu beseitigen, hieße, den Ruf der Seele abzuwürgen."
Die menschlichen Sinne sind Kommunikationskanäle. Das Sehen ist eine Sprache, ebenso der Schmerz, die Berührung, der Geruch und der Geschmackssinn. Die stärkste Empfindung ist der Schmerz. Für die Ältesten der Dagara ist Schmerz die Folge eines Widerstandes gegenüber etwas Neuem - dem eine alte Regelung nicht mehr angemessen ist. Wir bestehen aus Schichten erlebter Situationen, also aus Erfahrungen. Jede Erfahrung bezieht einen bestimmten Raum in uns und wohnt darin. Es ist wie ein Territorium. Eine neue Erfahrung, die noch keinen Platz in uns gefunden hat, wo sie wohnen könnte, muss eine alte hinauswerfen.

Und diese alte möchte natürlich nicht weichen, wehrt sich gegen die neue, und das Ergebnis wird von uns als Schmerz registriert. Deshalb nennen die Ältesten den Schmerz "Tuo". Das bedeutet Invasion einer fremden Macht, Gejagt-Werden, harte Konfrontation. Es bedeutet auch Begrenzung. Schmerz ist, dass sich unser Körper über einen Eindringling beklagt. Und diese Beschwerde des Körpers lässt sich als Mitteilung der Seele an uns verstehen. Eine von Schmerz erfüllte Person wird von einem Teil ihrer selbst angesprochen, der sich nur auf diese Art bemerkbar zu machen weiß.

Wenn daher ein initiiertes Mitglied der Gemeinschaft sich durch einen Schmerz angesprochen fühlt, ist das ein Signal, dass seine Seele die Vereinigung mit ihrem spirituellen Gegenüber sucht. Mit anderen Worten, die Seele wirft alte Möbel aus der Wohnung und stellt neue hinein. Ob das im Endeffekt gut ausgeht, ist eine andere Frage. Denn wir erlauben uns nicht immer, den Schmerz auch wirklich durchzuarbeiten. Meist glauben wir, er sei ein Zeichen, das wir möglichst schnell beseitigen müssten, statt seine Quelle ausfindig zu machen. Aber unsere Seele hasst Stagnation. Unsere Seele strebt nach Wachstum, das heißt, sie möchte sich an all das erinnern, was wir beim Ausflug an diesen Erdenort vergessen haben. In disem Sinn ist ein schmerzerfüllter Körper gleichbedeutend mit einer von Sehnsucht erfüllten Seele. Den Schmerz zu beseitigen hieße, den Ruf der Seele abzuwürgen. So etwas wäre eine repressive Maßnahme gegen das eigene Selbst, was immer schlimme Folgen hat.

Könnte man also sagen, Schmerz ist gut? Vor allem, weil er eine Aufforderung zum Wachstum darstellt? Die Ältesten der Dagara würden mit Ja antworten. Sie glauben, ein Mensch, der bewusst gelitten hat, ist ein Mensch, der auf seinen Schmerz gehört hat ("Tuo" bestanden hat). Dieser Mensch hört den Schmerz und versteht ihn als schöpferische Tätigkeit. Der Schmerz verbindet ihn mit seinem höchsten Selbst, und dieses verordnet ihm eine Alternative zum spirituellen Tod. Schmerz lehrt uns jedenfalls etwas. Er ist Erschütterung, Gefühl und eine Aufforderung zur Wiedergeburt.

"Menschen, die nicht miteinander weinen können, können auch nicht miteinander lachen."
...Es gibt unzählige Wege, Emotionen auszudrücken, weil der Mensch unzählige Wege dafür braucht. In der Stammeswelt wird von niemandem erwartet, dass er seine Emotionen unterdrückt. Mag der Tod die Lebenden auch verstören, so bietet er doch eine einzigartige Gelegenheit, eine der stärksten emotionalen Kräfte freizusetzen, über die der Mensch verfügt: Trauer.

...Menschen, die nicht miteinander weinen können, können auch nicht miteinander lachen. Menschen, die nicht über die Fähigkeit verfügen, gemeinsam Tränen zu vergießen, sind wie eine Zeitbombe, eine Gefahr für sich und die Umwelt. Für die Dagara führt der Ausdruck von Emotionen zur Wiederbelebung der Lebensgeister oder zu einer Beruhigung. Das hilft nicht nur, mit dem Tod richtig umzugehen, sondern ordnet und heilt die Gefühle im Menschen auch wieder. Durch den Tod eines geliebten Menschen stauen sich in den Hinterbliebenen Energien und verwandeln sich in Trauer. Und tatsächlich ist Trauer eine Schuld der Lebenden gegenüber den Toten. Sie ist nämlich der einzige Faktor, der es dem Toten erlaubt, den Sterbevorgang endgültig abzuschließen. Trauer stellt ihm zur Verfügung, was er zur Reise ins Totenreich benötigt - sie ist Freisetzung emotionaler Energien, die für das Gefühl der Vollständigkeit, der Vollendung, des Abschlusses sorgen. Dieses Gefühl des Abschlusses braucht andererseits aber auch der Trauernde selbst, um den Verstorbenen gehen lassen zu können.

...Drei Elemente hat das Begräbnisritual, die in dauernder Wechselwirkung stehen: die Musiker, die Trauernden bzw. ihre Betreuer und die versammelten Dorfbewohner. ...Lieder stellen die Taten und Leiden der Familie dar. ...wenn Worte aber von Musik unterstützt werden, kommt es zu noch größeren Schmerzausbrüchen. Die Xylophone schluchzen die Melodie, die Trommel dramatisiert die Umstände und die Sänger fassen das Ereignis in Worte. Und jeder Teilnehmer ist frei, seine eigene emotionale Antwort darauf zu geben, auf welche Art auch immer sie in ihm aufsteigt...

(aus dem Kapitel: Die Begräbnisfeier und die Sprache der Trauer)

"Es gibt unzählige Wege, Emotionen auszudrücken, weil der Mensch unzählige Wege dafür braucht."
...Zwischen dem Heiligtum und den versammelten Menschen befindet sich ein leerer Raum, der das Chaos verkörpert. Es ist der Raum der Erregung und Turbulenz, der Raum, wo alle Unordnung ausagiert werden muss. Es ist der heilige Raum. Jede Art der Emotion ist darin erlaubt, ja wird ermuntert und erwartet. Die Leute sind frei, wütend zu werden oder laut zu Gott oder irgendwelchen Geistern zu schreien. Es sind ihnen die absurdesten Äußerungen erlaubt, solange sie sich auf das Phänomen des Todes beziehen und Ausdruck des Innenlebens der Betreffenden sind. Sie können ihre Emotionen heraustanzen, wie innerlich gepeitscht umherrennen oder sich das Herz aus der Brust heulen.

...innerhalb dieser Gruppen gibt es zwei weitere Gruppen, die Trauernden und ihre Betreuer. Die Klagenden geben ihrer Trauer Ausdruck. Die Betreuer stellen sicher, dass die Trauernden die Grenzen des rituellen Raumes nicht überschreiten oder Schaden für sich selbst bzw. das Dorf als ganzes anrichten. Die Empfindungen sind eine Mischung aus Sehnsucht, mit dem geliebten Menschen im großen Jenseits zusammen zu sein, und tiefer Verzweiflung über die Wechselfälle des Lebens. Das kann heftige Reaktionen auslösen. Diese Leute sind in gewissem Sinne wahnsinnig

Um diesen Wahnsinn in erträglichen Grenzen zu halten, braucht man ein paar Leute, die nicht so erregt sind. ...Sie sind hier, um den heiligen Raum zu beleben und das Chaos darin einzudämmen, indem sie den Trauernden helfen. ...Die Dorfbewohner ergreifen solche Gelegeneiten übrigens auch gern, um dem unerledigten Schmerz über ihre eigenen Toten ein Ventil zu verschaffen...

...Der kollektive Klagegesang wir unaufhörlich wiederholt... Immer wieder wird der Dialog der Kantoren durch Trauerbekundungen Einzelner oder kleiner Gruppen unterbrochen. Denn während die ganze Gruppe in ihre Lamentationen vertieft ist, können Einzelne auf Zonen in ihrer Seele stoßen, die besondere Aufmerksamkeit im Leid erfordern. Das sind die Augenblicke, wo sie sich von der Gruppe lösen und sich von der in ihnen aufwallenden Ennergie wie im Sturm davontragen lassen. Wer von so ungeheurem Schmerz erfasst wird, wendet sich mit verzweifelten Gesten und heulend zum Heiligtum und stürzt sich in den Raum des Chaos.

...Die Aufgabe des Betreuers besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Trauernde doch immer noch zwischen einem Schmerz, der der toten Seele zur Heimkehr verhilft und einem Schmerz, der tötet, zu unterscheiden weiß. Darum wird eine solche Person niemals allein gelassen. Der Betreuer ist eine Art Fürsorger, der aus der Menge hervortritt und einem vom Schmerz gepackten Menschen beisteht. Er wirkt einerseits als jemand, der dem Trauernden Spielraum verschafft, andererseits als Lebensretter. Denn er bringt Menschen, welche sich sonst in die Ewigkeit hineintrauern würden, wieder zu sich. ...Die Unterstützung des Trauernden durch einen Menschen, der keinen so unwiderstehlichen Trauerdrang verspürt, ist wie ein zusätzliches Auge, das doch noch sieht, wo die Grenzen sind.

...Es gibt übrigens noch eine andere Kategorie von Leuten. Ihre Aufgabe ist es, die Schmerzintensität der trauernden Verwandten zu dämpfen. Im Gegensatz zu den Leuten, die den Schmerz der Angehörigen des Toten noch stimulieren, verhält sich diese andere Gruppe, als wäre das ganze Ritual nur ein Spaß. Diese Leute heißen "Laluoro", die Spaßpartner. ...denn die Dagara glauben, Schmerz kann töten, wenn er über ein menschenerträgliches Maß hinausgeht. ...Die eigentliche Bestattung erfolgt erst, wenn die allgemeine Katharsis durch Trauer stattgefunden hat. Wenn keine richtige Katharsis eintritt, ist der Geist des Toten nicht in der Lage, das Dorf zu verlassen...

(aus dem Kapitel: Die Begräbnisfeier und die Sprache der Trauer)
(Auszüge aus dem Buch "Die Kraft des Rituals" von Malidoma Somé)